Kunst des Erinnerns

Ein Rückblick auf das Programm von Kaunas, Kulturhauptstadt Europas 2022 für WDR 5, Scala, 2022

Wenn wir die Geschichte nicht verstehen, können wir nicht wahrhaft im Heute leben – unter diesem Motto machte sich Kaunas an die Vorbereitung auf seine Rolle als Kulturhaupstadt Europas 2022. Litauens zweitgrößte Stadt stellte das Erinnern an seine jüdische Vergangenheit in den Mittelpunkt. Nicht ohne Grund: Vor dem Zweiten Weltkrieg war Kaunas ein bedeutendes Zentrum jüdischer Kultur. Renommierte Künstler mit Wurzeln in Kaunas wie der Südafrikaner William Kentridge und die britische Lichtdesignerin Jenny Kagan kamen zurück und ließen die jüdische Vergangenheit in ortsspezifischen Installationen wiederaufleben.

ATMO 1 Altmodische Aufnahme von La Traviata

Ein Koffer voller Erinnerungen. Wer ihn aufklappt hört Musik aus La Traviata und sieht Panzer der Roten Armee, die 1940 Kaunas einnehmen. Irgendwo in der Menge vor dem Opernhaus steht Mara, eine Eintrittskarte in der Hand. Sie ist die Mutter von Jenny Kagan. Mehr als 80 Jahre später kam die britische Künstlerin in die Heimat ihrer Vorfahren, litauischer Juden, Litvaken. „Out of Darkness“ nannte sie ihre Installation – Licht in einem dunklen Kapitel der Geschichte.

O-TON 1 Jenny Kagan (Englisch)

Es ist ein persönliches Projekt, das die Geschichte erzählt, wie meine  Familie in Kaunas während des Holocausts überlebte. Es ist interaktiv und versucht, den Betrachter in die damalige Zeit zu versetzen, und ihm zu vermitteln, wie sich Horror und Unterdrückung anfühlen. Es ging mir um die Frage, wie wir als Menschen damit umgehen, wenn wir in eine Situation geraten, in der wir das Ziel von Unterdrückung und Tyrannei sind.

ATMO 2 Schritte durchs Gebäude

Erfahren ließ sich dies auf dem beklemmenden, abgedunkelten Weg durch eine interaktive Ausstellung in einem renovierungsbedürftigen Gebäude. Hier ließ Jenny Kagan die Geschichte ihrer Eltern wieder aufleben. Ein Wohnzimmer aus den 1940er Jahren, die Ahnengalerie ihrer jüdischen Verwandten und ein schmaler Gang, links und rechts mit Stacheldraht begrenzt – die Eltern lernten sich einst im Ghetto von Kaunas kennen.

ATMO 3 Töne aus der Box

In einer abgelegenen Ecke eine begehbare Holzbox – ausgestattet mit Pritschen, darauf altmodischen Decken – aus der Licht strahlt. Nach Zeichnungen ihrer Mutter baute Jenny Kagan den Verschlag nach, in dem ihre Eltern sich während des Zweiten Weltkriegs neun Monate lang versteckten – und so den Holocaust überlebten. Ein Lichtblick in einer dunklen Zeit und das Eintauchen in eine Epoche, über die lange geschwiegen wurde, sagt Daiva Price, die die Ausstellung kuratiert hat.

O-TON 2 Daiva Price (Englisch)

Wenn wir an die Vergangenheit von Kaunas denken, erinnern wir uns vor allem an die guten Zeiten zwischen den beiden Weltkriegen. Den Zweiten Weltkrieg haben wir als Geschichte übersprungen, die irgendwie nicht unsere ist. Das ist das Trauma, das uns oder unseren Nachbarn widerfahren ist. Und dann geht es direkt in die Zeit der sowjetischen Besatzung, der Deportationen. Im Programm der Kulturhauptstadt Europas wollten wir über diese Momente der Geschichte sprechen, die wir bisher ignoriert oder vergessen haben.

Kaunas ist die zweitgrößte Stadt Litauens, eine Autostunde nordwestlich der Hauptstadt Vilnius gelegen – eine Stadt mit einer wechselvollen Geschichte. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte sie zum Gebiet des russischen Reiches, mit einer großen jüdischen Bevölkerung. 1918 erlangte das Land die Unabhängigkeit, doch zwei Jahre später wurde Vilnius von Polen besetzt, Kaunas wurde bis 1940 zur provisorischen Hauptstadt des Landes – mit Bewohnern aus verschiedenen Teilen Europas.

O-TON 3 Daiva Price (Englisch)

So lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts fünf gleichberechtigte Bevölkerungsgruppen in der Stadt: Deutsche, Russen, Juden, Litauer und Polen. Aber als Kaunas provisorische Hauptstadt wurde, kamen mehr Litauer und mehr Juden vom Land in die Stadt. Mehr als ein Viertel der Einwohner waren Juden. Sie stellten die größte Bevölkerungsgruppe in der Stadt. Aber während der sowjetischen Besatzung sprach niemand über diesen Teil der Geschichte.

Die Idee für das „Memory Office“ war geboren, einem der großen Projekte des Kulturhauptstadtjahres. In Ausstellungen, Vorträgen und einem visuell-musikalischen Werk wurde die Rolle der Litvaken für die Identität der Stadt heute thematisiert. Als sie vor sieben Jahren mit der Planung für das europäische Kulturhauptstadtjahr begannen, saß ihnen zudem der Überfall Russlands auf die Krim in den Knochen, sagt Daiva Price. Die Erinnerung an die traumatischen Jahre des Zweiten Weltkriegs wurden wieder wach.

O-TON 4 Daiva Price (Englisch)

Wir begannen, darüber nachzudenken, wie ist unser Verhältnis zur Vergangenheit, zur Geschichte von Kaunas? Und wir dachten, dass Kaunas in einer wirklich tiefen Identitätskrise steckte, dass die Menschen nicht wussten, was Kaunas ausmacht und was die Zukunft für uns bereithält. Und damals, im Jahr 2014/15, hatten wir das Gefühl, dass diese Stadt keine Zukunft hat. Also brauchten wir dieses Projekt wirklich dringend.

Zukunft, die aus der Analyse der Vergangenheit erwächst. In den Zwischenkriegsjahren hatte sich Kaunas Dank seiner vorübergehenden Rolle als Hauptstadt von einer provinziellen zaristischen Militärstadt zu einer weltgewandten Metropole mit einem blühenden Kulturleben entwickelt. Theater, Verlage, Orchester entstanden, neue Gebäude für Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Kultur mussten her. In 20 Jahren wurden mehr als 10 000 Gebäude im Stil der Moderne gebaut – darunter die massive Auferstehungskirche. Das Programm „Architecture of optimism“ im Kulturhaupstadtjahr bot dazu Führungen an.

O-TON 5 Daiva Price (Englisch)

Heute weiß jeder, dass Kaunas für seine modernistische Architektur berühmt ist, aber als wir anfingen, haben die Leute den Wert nicht verstanden. Wir wollten den Menschen helfen, zu verstehen, dass die Gebäude, in denen sie leben und arbeiten, sehr interessant und sehr wertvoll sind. Es gab Kunstprojekte und Veranstaltungen, wo darüber gesprochen wurde, wer dort früher gelebt hat, um emotionale Bindungen zu diesen Gebäuden aufzubauen.

Das Gebäude, in dem einst Lea Goldberg wohnte, ist hingegen zerstört. An einer Häuserwand in der Nähe ihrer früheren Wohnung prangt sie überlebensgroß von einem Wandgemälde, eingerahmt von einem Gedicht, das dort auf litauisch und hebräisch steht.

ATMO 4 Ausschnitt CD Lea Goldberg (Hebräisch, gelesen von Shirin)

Dass die berühmte, israelische Dichterin, Jahrgang 1911, in Kaunas aufwuchs, wusste in ihrer Heimatstadt bisher kaum einer, sagt Bella Shirin. Die 76-Jährige hat Gedichte von Lea Goldberg für eine CD eingelesen. Auch sie selbst ist in Kaunas geboren, wanderte nach Israel aus, 2015 kam sie zurück. Als Botschafterin kümmerte sich Bella Shirin im Kulturhauptstadtjahr um die Kontakte zwischen israelischen und litauischen Juden.

O-TON 6 Bella Shirin (Englisch)

Ich habe erkannt, dass ich gern eine Brücke wäre. Als ich nach Kaunas zurückkehrte, hatte ich einen Traum. Ich möchte ein lebendes Denkmal für all die Ermordeten errichten. Wie sie lebten, was sie taten, wo ihre Kinder zur Schule gingen. Und genau das passierte in der Kulturhauptstadt Kaunas.

ATMO 5 Zitate Kantate Litauisch (Bella liest)

Bei der Uraufführung der Kaunas Kantate wirkte Bella Shirin als Rezitatorin mit. Das große visuell-musikalische Werk über Kaunas´ Geschichte wurde im Stadion Žalgirio arena mit über 300 Musizierenden aufgeführt. Der Komponist Philip Miller aus Südafrika und die britische Künstlerin Jenny Kagan näherten sich dem Thema dokumentarisch, sagt Produzentin Ina Pukelytė.   

O-TON 7 Ina Pukelytė (Englisch)

Die Texte waren nicht so wie man sie normalerweise bei einem Musikstück hat, für das du ein Gedicht nimmst, einen strukturierten Text. Philip Miller hat  kleine Versatzstücke von Text aus ganz unterschiedlichen Bereichen ausgewählt, aus der Literatur, aus Archiven, dokumentarisches Material. Es sind sehr alltägliche Texte.   


ATMO 6 Tenor Rafailis Karpis singt jiddisches Lied

Eine Frau, die einer hungernden Jüdin einen Kohlkopf zusteckt, weil sie sich an das gute Miteinander vor dem Krieg erinnert. Ein Mann, der seiner Nachbarin die Ohrringe raubt und sich später Vorwürfe macht. Versatzstücke von Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, aus der Zeit der sowjetischen Okkupation spielten in der Kaunas Kantate eine Rolle. Während der Aufführung konnte das Publikum durch die weitläufige Sportarena wandeln und den Gesängen und Zitaten in verschiedenen Sprachen lauschen.

O-TON 8 Bella Shirin (Englisch)

Die Kunst braucht keine Sprache. Wenn du malst, musizierst oder zusammen tanzt, bringt das die Menschen näher zusammen. Vor dem Krieg war Kaunas eine multikulturelle Stadt – Juden, Polen, Deutsche lebten hier. Und das spiegelte die Kaunas Kantate wider – mit jüdischen Sängern, einem Tenor aus Südafrika, einem jüdischen Komponisten und einem Polen für den Klezmer. Wir sind jetzt wieder eine Multi-Kultur.

Das zeigte auch der Beitrag des Südafrikaners William Kentridge, dessen jüdische Großeltern einst aus Kaunas flohen. Für eine große Ausstellung schuf er Videos,  Schwarz-Weiß-Zeichnungen und die Installation „You, who never arrived“.

ATMO 7 Gesang aus Installation „You Who Never Arrived“

Im Auditorium des Kunstmuseums Čiurlionis wurde das Publikum mit meditativ wirkender Musik begrüßt – eine Mischung aus afrikanischen Harmonien und christlichen Gesängen. Über dunkelbraune, aufsteigende Stuhlreihen, gleichsam wie aus dem Erdreich eines jüdischen Friedhofs heraus, blickten die Betrachtenden in eine afrikanische Landschaft, sagt Virginija Vitkienė, Direktorin von Kaunas 2022 und Kuratorin der Ausstellung.

O-TON 9 Virginija Vitkienė (Englisch)

Der Besucher wurde Teil der Installation. Es schien, als wäre er begraben. Er schaute aus dem Wurzelwerk hinauf in den Himmel, durch die verwitterten Grabsteine hindurch zu den Bäumen. Und dazu die Musik: Diese Trostlieder zeugten von der Hoffnung, dass die Menschheit noch immer die Kraft dazu hat, sich selbst zu heilen.

In seinem Werk thematisiert William Kentridge immer wieder die sehr subjektive Auswahl von Erinnerung, die allen Menschen zu eigen ist, sagt Virginija Vitkienė. „That Which We Do Not Remember“ also „Das, woran wir uns nicht erinnern“ lautete der Titel seiner Ausstellung. Erstmals befasste sich der weltberühmte Litvake vor Ort mit den litauisch-jüdischen Wurzeln seiner Familie. Ihren Landsleuten konnten sie mit der Ausstellung zeigen, was Litauen durch den Holocaust verloren hat.

O-TON 10 Virginija Vitkienė (Englisch)

In der Schule lernten wir dürre Fakten zum Holocaust. Aber wir erfuhren nichts darüber, dass 1939  jeder dritte Bewohner von Kaunas jüdischen Glaubens war. Das waren Menschen, die mit ihrem Verstand und ihrem Talent zu dem beitrugen, was die Stadt heute ausmacht. Unsere Großeltern haben uns nie davon erzählt.

Aufgrund ihres persönlichen Angangs haben einen die Positionen von Jenny Kagan und William Kentridge intuiiv in ihren Bann gezogen, eine Ausstellung von Marina Abramović beschäftigte sich ebenfalls mit dem Vergangenen. Die Teilnahme von Fluxus-Künstlerin Yoko Ono erinnerte daran, dass der Gründer der Bewegung, George Maciunas, 1931 in Kaunas geboren wurde. Robert Wilson hingegen präsentierte sein Stück „Dorian“ in Kooperation mit zwei deutschen Theatern. Die Vernetzung mit europäischen Kulturpartnern habe zugenommen, sagt Virginija Vitkienė.

O-TON 11 Virginija Vitkienė

Vor 10 Jahren wusste kaum einer in Europa wo Kaunas liegt. Das hat sich geändert. Wir haben viele Anfragen von Partnerorganisationen erhalten, die unsere Produktionen in ihren Ländern zeigen wollen. Und wir haben in den letzten fünf Jahren 12 Festivals gestartet, die alle international ausgerichtet sind und uns mit europäischen Partnern verbinden. Das ist ein großes Erbe. Da werden wir nicht stehenbleiben, da werden wir weitermachen.

ATMO 8 Gesang Kantate jüdisch/verfremdet, endet


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